Was passiert bei einer Revision einer historischen Großuhr?
- Dr. Jeffrey Treganza
- vor 3 Tagen
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 2 Tagen

Der Begriff Revision löst bei vielen Besitzerinnen und Besitzern historischer Großuhren zunächst Unsicherheit aus. In der Alltagssprache wird eine solche Arbeit oft auch als „Generalüberholung“, „Wartung“ oder „Service“ bezeichnet – technisch korrekt handelt es sich jedoch um eine Revision. Was genau wird dabei gemacht? Wird etwas ersetzt? Wird die Uhr „wie neu“ gemacht – oder bleibt ihr Charakter erhalten?
Diese Fragen sind berechtigt. Historische Uhren sind keine Gebrauchsgegenstände im modernen Sinn, sondern technische Zeitzeugen. Entscheidend ist daher stets der Kundenwunsch: Soll die Uhr regelmäßig funktionieren – oder handelt es sich um ein wertvolles Sammler- oder Museumsobjekt, bei dem die Erhaltung der originalen Substanz im Vordergrund steht?
Museen und Sammler wünschen in solchen Fällen häufig eine reine Konservierung (dieser Ansatz wird in einem späteren Blogbeitrag ausführlich behandelt). Eine fachgerechte Revision verfolgt hingegen ein klares Ziel: die Uhr funktionsfähig zu erhalten – mit so wenig Eingriff wie möglich und so viel wie nötig.
Art und Umfang aller Eingriffe werden vor Beginn der Arbeiten mit der Eigentümerin bzw. dem Eigentümer besprochen und – je nach Wunsch und Objekt – entsprechend angepasst.
Im Folgenden möchte ich transparent erklären, was bei einer Revision einer historischen Großuhr tatsächlich passiert.
Was bedeutet „Revision“ bei einer historischen Uhr?
Eine Revision ist keine kosmetische Aufarbeitung und auch keine Modernisierung. Es geht nicht darum, eine Uhr glänzend oder „neu“ erscheinen zu lassen.
Eine Revision bedeutet:
sorgfältige technische Überprüfung
Reinigung der beweglichen Teile
Beurteilung von Verschleiß
gezielte, konservierende Instandsetzung
anschließende Justierung und Kontrolle
Ziel ist ein zuverlässiger, materialschonender Lauf, der der Konstruktion und dem Alter der Uhr entspricht.
1. Befund und erste Beurteilung
Am Anfang steht immer die genaue Betrachtung der Uhr im Ist-Zustand. Ebenso wichtig sind die Beobachtungen der Eigentümerin bzw. des Eigentümers: Was ist aufgefallen? Seit wann besteht das Problem? Und wann wurde die Uhr zuletzt gewartet oder repariert? Noch bevor etwas zerlegt wird, wird geprüft:
Laufverhalten (sofern möglich)
Zustand des Werks
sichtbare frühere Eingriffe
offensichtlicher Verschleiß oder Schäden
Nichts wird vorausgesetzt oder „automatisch“ angenommen. Jede Uhr hat ihre eigene Geschichte – und diese zeigt sich im Detail.
2. Dokumentation vor dem Zerlegen
Bevor das Werk zerlegt wird, erfolgt eine Dokumentation:
Aufbau
Besonderheiten
Zustand einzelner Bauteile
Gerade bei historischen Großuhren ist es wichtig zu verstehen, was original ist, was später verändert wurde und was funktional notwendig ist. Diese Phase ist entscheidend, um unnötige Eingriffe zu vermeiden.
3. Sorgfältige Demontage
Die Uhr wird anschließend kontrolliert zerlegt. Dabei gilt:
Nur das wird ausgebaut, was für Reinigung und Prüfung notwendig ist
Bauteile werden nicht „präventiv“ ersetzt
Schrauben, Zapfen und Lager werden einzeln beurteilt
Historische Uhren verzeihen keine Hast. Jede Demontage erfolgt mit Ruhe und System
4. Reinigung – sauber, nicht „wie neu“
Die Reinigung dient ausschließlich der Funktion und Substanzerhaltung. Entfernt werden:
altes Öl und Fett
Abrieb
Schmutz, der den Lauf beeinträchtigt
aktive Oxyde (z. B. Rost oder Grünspan), die den Materialabbau fördern
Nicht entfernt werden:
Patina
altersbedingte Oberflächen
historische Spuren der Nutzung
Eine Uhr darf ihr Alter zeigen. Entscheidend ist, dass sie technisch sauber arbeitet, nicht dass sie optisch „perfekt“ wirkt.
Gestalterische oder optische Maßnahmen erfolgen – sofern gewünscht – ausschließlich nach vorheriger Absprache mit der Eigentümerin bzw. dem Eigentümer.
5. Beurteilung von Verschleiß
Nach der Reinigung zeigt sich der tatsächliche Zustand:
Zapfen
Lagerbohrungen
Zahnflanken
Triebe
Hier liegt der Kern der Arbeit. Es wird entschieden:
Was ist noch innerhalb der Toleranz?
Wo ist Eingriff notwendig?
Wo wäre ein Eingriff zwar möglich, aber nicht sinnvoll?
Nicht jeder Verschleiß ist ein Schaden. Viele historische Uhren laufen seit Jahrzehnten zuverlässig mit altersbedingten, aber stabilen Zuständen.
6. Konservierende Instandsetzung
Wo notwendig, erfolgen gezielte Reparaturen:
Ausbuchsen ausgeschlagener Lager
Überarbeitung von Zapfen
Korrektur früherer unsachgemäßer Eingriffe
Dabei gilt stets:
so wenig Materialabtrag wie möglich
möglichst reversible Maßnahmen
Erhalt der originalen Substanz
Ziel ist es, die Funktion zu stabilisieren – nicht, die Uhr technisch „zu überarbeiten“.
7. Zusammenbau, Schmierung und Justierung
Nach Abschluss der Arbeiten wird das Werk wieder montiert. Die Schmierung erfolgt:
sparsam
mit geeigneten Ölen und Fetten
angepasst an Bauart und Belastung der Uhr
Anschließend wird die Uhr reguliert und fein eingestellt. Gerade bei Großuhren ist Geduld entscheidend – der Lauf muss sich setzen.
8. Die oft unterschätzte Phase: das Beobachten
Eine Revision endet nicht mit dem Zusammenbau. Die Uhr wird über einen längeren Zeitraum beobachtet:
Laufverhalten
Gang
Schlag- oder Spielwerk (falls vorhanden)
Erst wenn sich die Uhr stabil verhält, gilt die Revision als abgeschlossen.
Was bei einer Revision nicht gemacht wird
Ebenso wichtig ist, was bewusst unterlassen wird:
kein unnötiger Austausch originaler Teile
keine optische „Verschönerung“ ohne technischen Grund
keine Modernisierung der Konstruktion
Eine historische Uhr soll ihre Identität behalten.
Fazit
Eine Revision ist ein behutsamer, durchdachter Prozess. Sie dient nicht dazu, eine Uhr zu verändern, sondern dazu, sie funktionsfähig, zuverlässig und respektvoll gegenüber ihrer Geschichte zu erhalten.
Wenn Sie unsicher sind, ob und in welchem Umfang eine Revision sinnvoll ist, ist ein Gespräch oft der beste erste Schritt. Nicht jede Uhr braucht sofort eine vollständige Revision – aber jede verdient eine fachkundige Einschätzung.
